Über 100 Jahre Menschlichkeit am Zug

Bereits 1894 wurde die erste Bahnhofsmission in Berlin von kirchlich engagierten Frauen aus dem Bürgertum gegründet. Im gleichen Jahr starteten die Bahnsteigdienste in Nürnberg, 1896 eröffnete die Bahnhofsmission München.

Ihr gemeinsames Ziel war es, Frauen vor Ausbeutung und Menschenhandel zu schützen, die auf der Suche nach Arbeit vom Land in die Stadt kamen. Dies führte sehr früh dazu, dass evangelische und katholische Bahnhofsmissionen gemeinsam auftraten, z. B. 1898 auf Plakaten in der Eisenbahn. Durch das gute Miteinander wurde bereits 1910 eine gemeinsame Organisation gegründet, die heute unter dem Namen "Konferenz für Kirchliche Bahnhofsmission in Deutschland" (KKBM) aktiv ist. Damit ist sie älteste ökumenische Struktur auf dem Gebiet der offenen sozialen Arbeit.

 

Bahnhofsmissionen: Seismographen gesellschaftlicher Entwicklungen

Die Aufgaben und die Arbeit der Bahnhofsmissionen hat sich im Verlauf der über 100 Jahre erheblich verändert genauso wie die Nöte und Bedürfnisse der Menschen am sozialen Brennpunkt Bahnhof. Flexibel reagieren sie daher mit ihrem Hilfeangebot auf die Nöte in der jeweiligen Zeit: Haben sie zu Zeiten der Gründung zunächst vor allem junge Frauen unterstützt, die auf Arbeitssuche vom Land in die Stadt kamen, waren es nach dem Krieg heimkehrende Soldaten und Flüchtlinge.

Heute suchen Menschen mit unterschiedlichsten Problemen in den Bahnhofmissionen Hilfe: Männer und Frauen ohne Arbeit und Geld, Jugendliche, die mit Eltern und Schule nicht mehr zurecht kommen, Migrantinnen und Migranten, Menschen mit Behinderungen, Opfer von Gewalt und Ausbeutung und immer mehr Menschen mit psychischen Problemen, die den Zugang zu anderen Hilfeangeboten nicht finden, und auch Reisende, die Unterstützung unterwegs benötigen.

Für viele Menschen in Not sind sie erste, für manche auch letzte Anlaufstelle am sozialen Brennpunkt Bahnhof. Bahnhofsmissionen sind damit wichtige Seismographen gesellschaftlicher Entwicklungen.

 

Niederschwellige Hilfe am Bahnhof

Die Bahnhofsmissionen bieten Gespräche und kleine Sachleistungen, beraten und vermitteln bei Bedarf an Facheinrichtungen weiter und helfen Reisenden, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind. Der niederschwellige Charakter ihres Hilfeangebots - alle Menschen erhalten Hilfe ohne Termin, ohne besondere Voraussetzungen oder Erwartungsdruck - füllt eine Lücke im sonst überwiegend spezialisierten Hilfesystem.